Im Dezember 2025 habe ich das Westjordanland besucht. Um mir selbst ein Bild davon zu machen, wie die Menschen vor Ort leben. Oft wird der Politik vorgeworfen, über Dinge zu sprechen, die sie nicht versteht – deshalb ist es so wichtig, dass wir vor Ort mit Menschen sprechen und eigene Eindrücke sammeln. Bei meinem Besuch in Hebron und Ostjerusalem wollte ich vor allem wissen, welche Auswirkungen die israelische Siedlungspolitik hat. Was ich erlebt habe, hat mich tief erschüttert.
Überwachung überall
Mein intensivster Eindruck im Westjordanland war: Ständige Kontrolle, überall. Es gibt inzwischen weit über 1000 Checkpoints, die Palästinenser*innen täglich passieren müssen. Jede Bewegung wird genau beobachtet – auch unsere Gruppe wurde auf Schritt und Tritt verfolgt. Viele dieser Checkpoints sind automatisiert – das heißt, eine KI entscheidet, wer durch darf. Oder auch, wer erschossen wird. Denn an die Gesichtserkennung sind direkt automatische Gewehre angeschlossen. Im Zweifel kann sofort scharf auf die Menschen geschossen werden. Aber das gilt sogar, wenn man einfach nur die Straße überquert: In weiten Teilen des Westjordanlands herrscht Militärrecht – deswegen gibt es keine Gerichte, die Tötungen verfolgen würden. Fast täglich werden deshalb Palästinenser*innen durch die Armee oder radikale Siedler getötet – auch Alte, Frauen und Kinder.
Schon Kinder sind extrem radikalisiert
Ich bin auch durch Wohnsiedlungen in Hebron gelaufen – einer großen palästinensischen Stadt, die aber immer weiter von israelischen Siedler*innen vereinnahmt wird. Heute ist sie faktisch zweigeteilt: Auf einer Straßenseite dürfen nur Israelis laufen, auf der anderen Palästinenser*innen. Zäune und Mauern ziehen sich durch die Straßen. Manchmal auch Fangnetze: Oben wohnen die Siedler*innen und werfen Abfall und Steine auf die palästinensischen Einkaufsstraßen. Die schützen sich notdürftig mit diesen Stahlnetzen über der Straße. Viele der palästinensischen Zivilist*innen, mit denen ich gesprochen habe, berichten von Schikanen, langen Umwegen und spontanen Sperrungen, die ihren Alltag oft unmöglich machen: Sie kommen nicht mehr zum Einkaufen, auf ihre Felder, zum Job oder in die Schule. Sie sprechen selbst offen von Apartheid, auch Amnesty International benutzt diese Wortwahl.
Erschreckt hat mich auch das Ausmaß der Gewalt, die Siedlerfamilien ganz offen und ohne Konsequenzen ausleben. Sie laufen mit schweren Waffen durch die Straßen und haben faktisch einen Freibrief, sie gegen die Zivilbevölkerung einzusetzen. Selbst die Kinder sind extrem radikalisiert – junge Teenager haben mich und den Rest der organisierten Gruppe angegriffen, nur weil wir fremd waren. Überall anders wäre das ein diplomatischer Eklat – hier mussten die Europaabgeordneten den Rückzug antreten. Am schlimmsten war für mich aber der Hass in den Augen dieser Kinder. Als Mutter und Lehrerin habe ich das noch nie irgendwo so gesehen. Das macht mir große Sorgen, dass die nächste Generation der Siedler*innen noch viel radikaler aufwachsen dürfte – und es raubt mir die Hoffnung, dass noch ein Dialog zustande kommen könnte.
Bei dieser Reise ging es nicht um die großen globalen Zusammenhänge der Geopolitik. Es ging um die palästinensischen Menschen und ihren Alltag. Leider muss ich sagen, dass ich sehr ernüchtert bin: Diesen Menschen wird jedes normale Leben verwehrt, der Dialog verweigert und ein System aufgezwängt, in dem sie untereinander um viel zu knappe Ressourcen und Privilegien kämpfen müssen. Zu verantworten hat das Israel mit seiner brutalen, rücksichtslosen und illegalen Siedlungspolitik.
Natürlich haben wir die Menschen vor Ort auch gefragt. was wir als westliche Politiker*innen überhaupt für sie tun können. Sie alle wünschen sich, dass die Welt aufmerksam bleibt und den Druck auf Israel hoch hält. Was nicht oben auf der Agenda steht: Eine Zweistaatenlösung. Denn die aktuelle Situation ist derart verfahren, die palästinenische Bevölkerung schon so zersplittert und machtlos, dass an eine Verständigung auf Augenhöhe gerade kaum zu denken ist.
Pressemitteilung
Meine Eindrücke aus dem Westjordanland